14. Todestag Christa Wolf

Am 1. Dezember 2011 verstarb Christa Wolf – eine Autorin, die sowohl in BRD, DDR, wiedervereinigter Bundesrepublik, Europa und weltweit mit ihren Werken präsent, geschätzt, viel diskutiert war und ist. Wie Autor:innen heute an Christa Wolfs Werke und Erfahrungswelten anknüpfen, zeigt Igiaba Scego (geboren am 20. März 1974 in Rom) mit „Kassandra in Mogadischu“. Die Autorin, deren Eltern nach dem Staatsstreich von Mohamed Siad Barre aus Somalia nach Italien emigriert sind, bezieht sich u.a. in der Mottowahl auf Christa Wolfs „Kassandra“. 
Christa Wolfs 1983 in BRD und DDR gleichzeitig erschienenes Werk und seine Protagonistin verweigern ihre Mitwirkung an einer Heldengeschichtsschreibung. Gegen Ende referiert Kassandra, wovon der geliebte Aeneas ihr gegenüber nach der Zerstörung Trojas durch „die Griechen“ gesprochen hat, nämlich ein „neues Troia irgendwo zu gründen. Von vorne anzufangen.“ und ihre Antwort darauf: 


„… Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben. … Gegen eine Zeit, die Helden braucht, richten wir nichts aus, das wusstest du so gut wie ich. … Du würdest weit, sehr weit gehen müssen, und was vorn ist, würdest du nicht wissen. […] Ich bleibe zurück.“

(Christa Wolf. Kassandra. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008) 


„Ich bleibe zurück“: Kassandras Entschluss, auf Trojas Trümmern auszuharren ist eine Totalverweigerung, denn Aeneas, der Mann, den sie liebt, wird mit Vergils „Aeneis“ zur Gründungsfigur des „Imperium Romanum“, eines „Imperium sine fine“, wie es in der „Aeneis“ heißt. Mit Kaiser Augustus dachte Vergil dieses gut 2000 Jahre alte, bis heute wirksame Werk einem Herrscher zu, der ebenso wie Vergil mit seiner „Aeneis“ Epoche – ganz nach dem Geschmack der Supermächtigen – gemacht hat: Die radikale Entgrenzung eigener Macht wird bis heute gern als „Staatsklugheit“ oder „Pragmatismus“ gelesen. Mussolini hat sich gern auf Augustus bezogen, Curtis Yarvin, einer der „Chef-Philosophen“ der US-Trumpublikaner, tut es (vgl. Moritz Rudolph im philosophie Magazin 8/2024) und US-Vizepräsident J. D. Vance dürfte sich wirklich als prädestiniert für diese Rolle sehen, wie Cosmin Costinaș in einem Essay zur aktuellen Ausstellung „Global Fascisms“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) schreibt (https://www.hkw.de/programme/publications/cosmin-costinas-global-fascisms-essay (externer Link)). „Von vorne anzufangen“, diese Aussicht, erfahren wir aus Kassandras innerem Monolog, habe Aeneas ihr eröffnen wollen und sie selbst verhält sich dazu so, wie nur ein sehr hellsichtiger Mensch im Wissen um die „unendliche“ Geschichte augusteischer Ewigkeitsansprüche bis weit ins 20. (und 21. Jahrhundert) sich dazu verhalten kann: „Du würdest weit, sehr weit gehen müssen, und was vorn ist, würdest du nicht wissen.“ Donald Trump und seine Freunde wissen angeblich, wie alles EIGENTLICH begann, wo „vorn“ ist und wie „Paradies“ oder „goldenes Zeitalter“ geht. Ohne Ursprungsmythos keine rassistische, identitäre Diktatur – mit dem Kärcher in der Hand (für Volk und Vaterland) den Blackout für jedes kritische Erinnern einleiten. 


Wie Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ (1940) weiß Kassandra bei Christa Wolf und Igiaba Scego, dass jeder Schritt Richtung Imperium die Trümmer und Leichenberge im Schatten der Heldendenkmäler wachsen lässt: 


„Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ 


[Walter Benjamin (1892-1940) Über den Begriff der Geschichte (1940) / These IX] 

Neben James Baldwins „Ich habe diesen Brief fünfmal angefangen und fünfmal zerrissen.“ (Aus: Mein Kerker bebte) stellt Igiaba Scego ihrem Roman „Kassandra in Mogadischu“ (Aus dem Italienischen übersetzt von Verena von Koskull. Frankfurt am Main / S. Fischer 2024) diese Willensbekundung Kassandras aus Christa Wolfs Roman voran: 


„Dies alles, das Troia meiner Kindheit, existiert nur noch in meinem Kopf. Da will ich es, solang ich Zeit hab, wieder aufbaun, will keinen Stein vergessen, keinen Lichteinfall, kein Gelächter, keinen Schrei. Treulich, wie kurz die Zeit auch sein mag, soll es in mir aufgehoben sein. Jetzt kann ich sehen, was nicht ist, wie schwer hab ichs gelernt.“ 


Das „Troia“ von Igiaba Scego, ihrer Kassandra, ist das verlassene, von europäisch-italienischem Kolonialismus, Krieg und Bürgerkrieg zerstörte Somalia mit seiner einstigen Metropole Mogadischu. Es gibt vor allem die Erzählungen ihrer Mutter, von der Igiaba Scego jahrelang geglaubt hat, sie habe nie lesen und schreiben gelernt. Ihre Mutter aber hat das Alphabet „durch grundlose Gewalt“ verloren und ringt gemeinsam mit ihrer Tochter um ein neues antikolonialistisches Alphabet: 


„Der Verlust ihres Heimatlandes und meines Ursprungslandes war ein Trauma, das uns in Trauer einte. Auf unbewusste Weise – denn in dem Sinne hatte sie nie einen wirklichen Plan – wollte Hooyo ihr Leben an mich weitergeben. Es ging nicht nur um eine einfache Familiengeschichte. Es war mehr. Ihre Vergangenheit war Teil eines Nationalarchivs, einer Nation, die mit dem Krieg ihr Gedächtnis verloren hatte.“

Mutter und Tochter werden Co-Autorinnen in einer „Geschichtsschreibung“, die mit dem „Abendland“, das sich „Geschichte“ ans Revers heftet, ebenso diplomatisch wie subversiv abrechnet. Igiaba Scego erinnert sich daran, wie sie bereits im Alter von sieben Jahren zur Schreiberin und Co-Autorin ihrer Mutter wurde. Auf einer römischen Polizeidienststelle füllte sie Formulare aus, um die Aufenthaltsgenehmigung für ihre Mutter zu erstreiten. Sie sieht sich mit einem Italienisch konfrontiert, 

„das einen in die Ecke trieb und sagte: »Du, Ausländer, bist nichts wert.« – Natürlich zeigte ich der Bürokratie dieser Formulare die Fäuste. Es war eine Bürokratie, die ein menschliches Wesen auf eine Zahl, eine Angabe, ein Nichts reduzierte.“

Dieser Sprache die Fäuste zeigend, in der ehemaligen Hauptstadt des Imperium Romanum von Augustus und Mussolini, sich die Sprache dieser (ehemaligen) Kolonialmacht aneignend, verkörpert die junge Co-Autorin den rund 4600 Jahre alten, altägyptischen „Sitzenden Schreiber“, der im Pariser Louvre (de)platziert ist: Der Platz im Louvre ist untrennbar von jenem Orientalismus und Kolonialismus, mit dem Napoleons Ägypten-Feldzug, seine „Ägypten-Expedition“ (1798 bis 1801) ideologisch unterfüttert war. Der Wettstreit von „Großmächten“, welche ihrer Hauptstädte das „eigentliche“ Rom sei, wird in Igiaba Scegos Roman zu Gunsten einer post-kolonialen Autor:innenschaft entkräftet, die aus dem ewigen Schatten der Macho-Imperien hervortritt und post-koloniales, vielfältiges soziokulturelles Leben sein kann.