Anna Seghers: Zwei Denkmäler
Die Erinnerung an Menschen anlässlich ihrer Geburts- und Todestage wird oft mit einem Denkmal oder einer Fotografie illustriert, die ihrer Bedeutung für eine größere Öffentlichkeit gerecht werden sollen. Mit ihrem Prosa-Text „Zwei Denkmäler“ (1965) wirft die heute vor 125 Jahren geborene Anna Seghers (gebürtig Annette „Netti“ Reiling, verheiratet als Netty Radványi, Tochter einer jüdischen Familie in Mainz, verstorben am 1. Juni 1983 in Ost-Berlin), vor allem Fragen auf: Fragen nach den Orten, Zeiten, Formen des Erinnerns. Dieses Erinnern, das Seghers mit den „zwei Denkmälern“ in ihrer Geburtsstadt Mainz verbindet, ist nichts, was jemand an zentralem Gedenkort ablegen und „auf sich beruhen lassen“ könnte. Anna Seghers erinnert in ihrem kurzen Prosatext an den Mainzer Dom, einen flachen Gedenkstein im Pflaster der Mainzer Innenstadt und ein Werk, das in den Jahren verloren ging, als sie, jüdischer Herkunft und Kommunistin, den deutschen Faschismus im Exil überlebte. Der flache Gedenkstein erinnerte nach dem Ersten Weltkrieg an die Frau des jüdischen Weinhändlers Epsteins, die für ihre Tochter Milch holen wollte und bei einem Luftangriff ums Leben gekommen war. Diesen Gedenkstein, schreibt Seghers, habe sie bei ihrem letzten Besuch in Mainz nicht wiedergefunden. Der Versuch einer literarischen Entwicklung der Geschichte des Mädchens, das die Mutter, Frau Epstein, mit ihrer Milch nicht mehr erreicht hat, ist zwischen den Stationen des Exils von Anna Seghers verloren gegangen:
„Ich hatte die Absicht, in dem Buch zu erzählen, was aus diesem Mädchen geworden ist.“
(Anna Seghers. Zwei Denkmäler. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Atlas [– Deutsche Autoren über ihren Ort.] Berlin 1965 / Berlin 2004)
Angesichts dieses Textes von Anna Seghers sucht die Erinnerung nach einem Lebens- und Gedenkort für die jüdische Mainzer Familie Epstein oder zumindest nach jener Mainzer Straße, in der ein Gedenkstein, nach dem Ersten Weltkrieg verlegt, an die Mutter erinnert haben soll. Ihrer Tochter sollte sich eine zwischen den Stationen des Exils entstehende, zwischen den Stationen des Exils verschollene Erzählung von Anna Seghers widmen. Entspricht die Ungewissheit über den Ort des Gedenksteins im Straßenbild der Ungewissheit über den Verbleib der Erzählung von Anna Seghers zwischen Marseille, Martinique, New York und Mexiko? Wo ist ein Ort für die Opfer deutscher Menschheitsverbrechen? In welchen Räumen der Erinnerung und des täglichen Lebens finden sie Platz und mahnen zum antifaschistischen Widerstand? Anna Seghers setzt sich selbst und die Leser:innen der Ungewissheit aus, ob die Tochter der Familie Epstein überlebt hat. Ob Herr Epstein vielleicht überlebt hat? Ob noch ein Gedenkstein im Straßenpflaster von Mainz an sie erinnert und wie dieser Gedenkstein, nach dem Ersten Weltkrieg verlegt, 1965 aussehen müsste, um der Unvorstellbarkeit der Shoa gerecht zu werden. Eine solidarische, intergenerationelle, interkontinentale Recherche könnte 1965 ebenso wie 2025 an diesen Gedenkstein und Anna Seghers‘ Erinnerungen anknüpfen. –Dem Mainzer Dom, von Seghers 1965 nicht ohne Verzicht auf sein „Ewigkeits-Renommee“ ins Gedächtnis gerufen, steht die schmerzhafte Erinnerung an verschollene und/oder deportierte, ermordete Mitbürger:innen gegenüber. Dieser Dom allerdings hat 1965 eine Vorgeschichte in Seghers‘ ab 1938 entstandenem Roman „Das siebte Kreuz“, der eben dieses Ewigkeitsrenommee ins Visier nimmt.: Georg Heisler ist dem KZ Westhofen entkommen und findet sich auf seiner Flucht im Mainzer Dom eingeschlossen. In der Nacht wächst sich der Dom mit seinen Denkmälern von Potentaten, die ewige Macht beanspruchen, zum Sinnbild eines realpolitischen Traumas aus. Ein „tausendjähriges Reich“ verleibt sich alle Ikonographien von Ewigkeit und Autorität ein, ihre Einverleibung haben die Kirchen größtenteils aktiv betrieben, Antijudaismus und Antisemitismus sind untrennbar mit kirchlicher Ideologiegeschichte verbunden.
„… Fünf Meter von ihm entfernt, vom nächsten Pfeiler, traf ihn der Blick eines Mannes, der dort mit Stab und Mitra an seiner Grabplatte lehnte. Die Dämmerung löste den Prunk seiner Kleider auf, die von ihm wegflossen, aber nicht seine Züge, die klar, einfach und böse waren. Seine Augen verfolgten Georg, der an ihm vorbeikroch. … Die Dämmerung drang nicht von außen ein wie an gewöhnlichen Abenden. Der Dom schien sich aufzulösen und zu entsteinern. … Alles Steinerne war am Verdunsten, und nur Georg war vor Schreck versteinert. Er schloss die Augen. Er tat ein paar Atemzüge, dann war es vorbei … Er suchte sich ein Versteck. … An dem Pfeiler, vor dem er jetzt hockte, lehnte, gleichmütig aus seiner Grabplatte über ihn hinwegsehend, ein runder gesunder Mann, auf seinem vollen Gesicht das dreiste Lächeln der Macht. …“
(Anna Seghers. Das siebte Kreuz – Roman aus Hitlerdeutschland. Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2018)
„Ein runder gesunder Mann, auf seinem vollen Gesicht das dreiste Lächeln der Macht …“ Die Dämmerung des Mainzer Domes entkleidet die Potentaten ihres Prunks. Übrigbleiben „Physiognomien der Macht“, wie sie schon George Grosz in den 1920er Jahren zu malen wusste. Georg Heisler sieht dem Mörder jedes antifaschistischen Widerstandskampfes ins Gesicht. Aber eine Dämmerung, in der sich der Prunk auflöst und die strukturellen „Physiognomien“ der Machtverhältnisse zu Tage treten, ist möglich. Von dieser Hoffnung ist der Roman von Anna Seghers getragen, der in gekürzter Fassung auch den US-amerikanischen Soldaten mit auf den Weg in den Kampf gegen das faschistische Deutschland gegeben wurde, während Seghers selbst bis 1947 in Mexiko lebte und überlebte, nachdem ihr die Einreise in die USA verweigert worden war. Ab 1938, in Südfrankreich, begann Anna Seghers mit ihrer Arbeit an dem Roman „Das siebte Kreuz“. Irgendwo dort zwischen Marseille, New York, Martinique und Mexiko ging der Beginn einer Geschichte des Mädchens verloren.
Wie sich der purpurne Pomp der Macht in der Dämmerung des Domes auflöst und die Gesichtszüge der Macht entblößt, erinnert an die Verse der am 19. November 1887 in NYC verstorbenen Emma Lazarus (*22.07.1849/New York City), die man 1903 dem Sockel der Freiheitsstatue eingraviert hat:
„Keep, ancient lands, your storied pomp!“ cries she / With silent lips. „Give me your tired, your poor, / Your huddled masses yearning to breathe free …”
Diese Verse vom „storied pomp“ Europas, die Emma Lazarus, Tochter sephardischer Juden, der Statue of Liberty souffliert, diese Verheißung einer Zuflucht für die Armen und Entrechteten der Welt – werden auch von Donald Trump mit aller Macht dementiert, der „storied pomp“ Europas mit Triumphbögen und Ballsälen zum goldenen Alptraum gesteigert. Die Verse von Emma Lazarus sind zu allen Zeiten eine unabgegoltene Hoffnung. Heute sind sie der unauslöschlichen Hoffnung von Emma Lazarus, einer Suchbewegung nach der jungen Frau Epstein, antifaschistischem Widerstand weltweit über alle Grenzen hinweg eingeschrieben.
In der Dämmerung des Domes sieht Georg Heiser dem gewalttätigen Ewigkeitsanspruch des Faschismus ins Auge. 1934 brachte Max Horkheimer (*14.02.1895/Zuffenhausen – 7.07 1973/Nürnberg, 1933 über Genf in die USA/New York emigriert), unter dem Pseudonym Heinrich Regius, „Dämmerung – Notizen in Deutschland“, mit Texten, die ab 1926 entstanden waren, im Verlag Oprecht & Helbling in Zürich heraus. In der ersten Notiz, mit „Dämmerung“ überschrieben, heißt es,
„auch die Dämmerung des Kapitalismus“ brauche „nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.“
Es gilt, nicht vor Schreck zu versteinern, faschistische Muster in Politik und Gesellschaft zu brechen, bevor es zu spät ist.