19. Oktober 1965: Uraufführung von Peter Weiss‘ „Die Ermittlung“ Eine Kulturindustrie des Vergessens gibt den Takt vor

Am 19. Oktober 1965 wurde „Die Ermittlung“ von Peter Weiss uraufgeführt. In Ost- und West-Berlin sowie weiteren Städten in der damaligen DDR und BRD. Peter Weiss, der sich selbst nie verzeihen wollte, den Holocaust im Exil überlebt zu haben, hatte dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main beigewohnt und dieses „Oratorium in 11 Gesängen“ aus den Protokollen entwickelt. Diese Protokolle ließen – ganz im Gegensatz zur Bundespolitik der Kanzler-Adenauer-CDU und ihren Fans damals- die Tatmuster und ideologischen Voraussetzungen deutscher Menschheitsverbrechen zwischen 1933 und 1945 sichtbar werden.

Wie auch aus seinem Werk „Das Inferno“ ersichtlich wird, war zumindest die Wirtschaftswunder-BRD nicht wiederzuerkennen für jemanden, der wie Peter Weiss den Holocaust im Exil überlebt hat. Zu diesem Deutschland passte, dass Die Zeitung „Die Welt“ nicht gut auf Peter Weiss zu sprechen war. Da nun in der „Ermittlung“ auch die kapitalistische Verfasstheit NSDAP-Deutschlands nicht verschwiegen wurde, witterte „Die Welt“ tatsächlich „antiwestliche Agitation“. Erwin Piscator (1893-1966), Intendant der Freien Volksbühne in West-Berlin und Regisseur der West-Berliner Uraufführung, hatte neben NSDAP-Deutschland auch den Stalinismus überlebt, um nun als Intendant im Verdacht zu stehen, „antiwestlicher Agitation“ Beihilfe zu leisten. Bereits in den 1920er Jahren war Piscator in Berlin mit seinem politischen, multimedialen Theater, Wegbereiter von Ästhetik und Praxis avancierten Theaters für das 20. und 21. Jahrhundert geworden. Im Programmheft der Berliner Uraufführung 1965 bezog Erwin Piscator Stellung zu den Angriffen der „Welt“ auf Peter Weiss: 

„Hier wird aus Verärgerung oder Enttäuschung darüber, dass der Autor Peter Weiss – übrigens lange nach Fertigstellung der „Ermittlung“ – ein höchst unpopuläres politisches Bekenntnis abgelegt hat, sein Werk rückwirkend ideologisch „madig“ gemacht, als benutze er das Thema Auschwitz lediglich als Vehikel für antiwestliche Agitation. Das aber ist eine Unterstellung von infamer Unkenntnis der Sachlage. Peter Weiss beschäftigt sich ausschließlich mit jenen FAKTEN, die Auschwitz heißen; sein Text ist ein „Konzentrat der Aussage“ (Weiss) des Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Es kann durchaus sein, dass die FAKTEN gegen uns sprechen, gegen unsere Art, sie zu bewältigen; sie sprechen aber auf jeden Fall gegen eine Publizistik, die die Fakten um jeden Preis als manipulierte Propaganda abzustempeln sucht.“


Im Schatten des neuen Hauptfeindes UDSSR ließen sich deutsche Verbrechen beschweigen, die Täter befördern, deren Opfer totschweigen: Hans Globke, engster Berater und Vertrauter von Kanzler Adenauer (1953 bis 1963) und mitverantwortlich für die „Nürnberger Rassengesetze“, stand ursprünglich auch für eines der vielen Gesichter faschistischer Kontinuitäten in Peter Weiss‘ Stück „Inferno“ Modell. Anfangs als Teil einer Dante-Trilogie (Inferno-Purgatorio-Paradiso) konzipiert, löste Weiss „Die Ermittlung“ („Paradiso“) schließlich aus dem Konvolut heraus. Das „Purgatorio“ hat Weiss nicht vollendet, das „Inferno“ legt ebenso realistisches wie surreales Zeugnis ab von einem Deutschland, das für einen Menschen, der aus dem Exil „heimzukehren“ versucht, viele Fratzen im Repertoire hat – und sich an nichts und niemanden erinnert: Der antisemitische Faschismus eines „Tausendjährigen Reiches“ ist nun ungeschriebenes Gesetz einer „funktionierenden“ Wirtschaft und Kulturindustrie geworden. Wer wie Dante Alighieri in Peter Weiss‘ „Inferno“ der geliebten Beatrice seine Kunst gewidmet hat, sieht sich einem Deutschland gegenüber, dem die Vernichtung von Mensch und Kunst unter dem Namen „Beatrice“ durch den Holocaust, keine Pause im Betriebsablauf wert ist: 

„Jetzt Alighieri / denke dir ein andres Bild / das schnell verging“

 Eine Kulturindustrie des Vergessens gibt den Takt vor.

Peter Weiss‘ „Inferno“ und „Die Ermittlung“ vermitteln auch eine Vorstellung davon, mit welcher Ohnmacht Überlebende der Shoa und aller anderen deutschen NS-Völkermorde sich einem solchen Deutschland jahrzehntelang gegenübersahen: Bis aus Konzentrationslagern wenigstens Gedenkstätten wurden, Bund und Länder sich zu gemeinsamer Verantwortung durchrangen – viele Opfer des deutschen Faschismus die Leugnung ihrer Existenz bis ans Ende ihres Lebens hatten erleiden müssen. 

19. Oktober 1965
Uraufführung
Die Ermittlung
Oratorium in 11 Gesängen 
von Peter Weiss 
(8. November 1916 / Nowawes bei Potsdam bis 10. Mai 1982 / Stockholm)

UA in West-Berlin: Freie Volksbühne. 
Regie und Intendanz des Hauses: Erwin Piscator (17. Dezember 1893/ Ulm bis 30. März 1966 /Starnberg)

Die Uraufführungsorte in BRD und DDR waren: 
West-Berlin, Ost-Berlin, Altenburg, Cottbus, Dresden, Erfurt, Essen, Gera, Köln, Leipzig, Leuna, München, Neustrelitz, Rostock

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Gedanken zu den nachfolgenden Zitaten aus den Werken von Peter Weiss
In seinem Beitrag zu „Deutsche Autoren über ihren Ort“, ebenso wie „Die Ermittlung“ 1965 veröffentlicht bzw. uraufgeführt, beschreibt Peter Weiss seinen Besuch der ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz. Für ihn ist dieser Ort etwas Bleibendes, die furchtbare Persiflage jeder Rede vom „Schicksalhaften“ und gleichzeitig dessen Realität: Peter Weiss war für diesen (Un-)Ort der totalen Vernichtung bestimmt. Das „Bleibende“ dieses (Un-)Ortes ist gleichzeitig „persönlich“ und repräsentativ für die Weigerung der Bundesrepublik, sich ernsthaft der eigenen Verantwortung zu stellen. Als Zeichen dafür steht am Ende der ausgewählten Passage des Textes ein Satz im Präsenz: „Auf dem Bahnhof von Auschwitz scheppern die Güterzüge.“ Im Scheppern ist die totale Leugnung von Menschen, ihre Herabstufung zu „Gütern“ und „Vieh“ gleichbleibend präsent. 

Wenn Zeuge 1 in „Die Ermittlung“ die Leere dieser Züge damit „erklärt“, die Menschen, die er überhaupt nicht gesehen haben will, seien „dort angesiedelt worden“, kann auch dieses „Scheppern“ aus dem autobiographischen Text von Peter Weiss eine solche Leugnung, Verachtung und Vernichtung von Menschen kommentieren.

„ja das war Kunst“: Nostalgie-Seufzer eines saturierten Bildungsbürgertums, das kein Problem damit hat, sich an vergangenen „Ewigkeiten“ zu erfreuen und deren „ewige“ Reproduzierbarkeit zu bejubeln. Die Shoa, die einen solchen Kunstbegriff allerspätestens hätte als zynisch und obsolet erscheinen lassen können, wird – dank unendlicher Reproduzierbarkeit von „Schönheit“ und „Ewigkeit“ – und mit ihr alle Opfer und Überlebenden ignoriert: 

„Jetzt Alighieri
denke dir ein andres Bild
das schnell verging“


Auszug aus: Peter Weiss. Meine Ortschaft.
In: Atlas – Deutsche Autoren über ihren Ort. Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1965. 

Die Städte, in denen ich lebte, in deren Häusern ich wohnte, auf deren Straßen ich ging, mit deren Bewohnern ich sprach, haben keine bestimmten Konturen, sie fließen ineinander … sie sind vorhanden im Grundmuster meines Umherwanderns …
Nur diese eine Ortschaft, von der ich seit langem wusste, doch die ich erst spät sah, liegt gänzlich für sich. Es ist eine Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam. Ich habe selbst nichts in dieser Ortschaft erfahren.  … 
Ich habe keine andere Beziehung zu ihr, als dass mein Name auf den Listen derer stand, die dorthin für immer übersiedelt werden sollten. Zwanzig Jahre danach habe ich diese Ortschaft gesehen. Sie ist unveränderlich. …
Auf dem Bahnhof von Auschwitz scheppern die Güterzüge.

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Peter Weiss. Die Ermittlung.
In: Peter Weiss. Dramen 2. Suhrkamp/Frankfurt am Main 1968.

…Richter:  Sie wussten
                   dass die Züge mit Menschen beladen waren

Zeuge 1: Wir erfuhren nur
                  dass es sich um Umsiedlertransporte handelte
                  die unter dem Schutz des Reiches standen

Richter: Über die vom Lager regelmäßig 
                  zurückkehrenden Leerzüge
                  haben sie sich keine Gedanken gemacht

Zeuge 1: Die beförderten Menschen
                   waren dort angesiedelt worden

 …


Peter Weiss. Inferno. Herausgegeben von Christoph Weiß. 
Suhrkamp/Frankfurt am Main 2003.

Dante:
Ich gehöre zu den letzten
die noch am Leben sind von jenen
die zur Verbrennung verurteilt wurden
Wenn wir vergehn vergeht auch 
jede Erinnerung an sie
Sie dich ich nicht mehr erreichen konnte 
ging den Weg dem ich entkam 
mir blieb nur übrig 
sie in meinen Gedanken 
lebendig zu erhalten.

Tschakko:
Ich hab mal ein Gedicht von dir gelesen 
in dem Gedicht beschriebst du ihre Schönheit
…
ja das war Kunst
das war ein Bild das sich 
für alle Ewigkeiten hielt
Jetzt Alighieri
denke dir ein andres Bild
das schnell verging