Happy Birthday, Hans Magnus Enzensberger
11. November: Der Beginn der fünften Jahreszeit und gleich zwei Geburtstage im Kanzleramt: Kanzler Friedrich Merz (70) und Kultur- und Medienstaatsminister Wolfram Weimer (61). Friedrich Merz und Wolfram Weimer kommen bei mir nie ungeschoren davon. Heute aber schreiben ganz sicher viele andere etwas Kluges oder Lobhudeliges über die beiden, Jecken und Jeckinnen wissen sich auch ohne Hinweise von mir zu amüsieren. Darum will ich die Gelegenheit nutzen und an jemanden erinnern, der erstaunlicherweise viel zu schnell aus dem Alltagsbewusstsein verschwunden ist.
Als Hans Magnus Enzensberger am 24. November 2022 starb, ahnten viele, dass dies ein verdammt großer Verlust sein würde. Drei Jahre später lässt sich das Fehlen dieses Multi-Intellektuellen par excellence deutlich spüren. Als Dichter, Essayist, Biograph, Herausgeber, Redakteur und Übersetzer gehörte Enzensberger zu den einflussreichsten Intellektuellen der frühen Bundesrepublik und prägte jahrzehntelang das geistige Geschehen hierzulande. Heute vor 96 Jahren, am 11.11.1929 In Kaufbeuren in eine gutbürgerliche katholische Familie geboren, wuchs er anschließend in Nürnberg auf, wo sein Vater das Amt des Oberpostdirektor ausübte. Nachdem er noch mit der Begründung, er sei trotzig und ein Querulant, aus der Hitlerjugend ausgeschlossen worden war, wurde er in den letzten Kriegstagen zum „Volkssturm“ herangezogen, um als Kanonenfutter für Hitlers letztes Aufgebot zu dienen. Doch auch hier konnte er sich dem Dienst entziehen und nach Hause durchschlagen. Nach der Befreiung studierte Enzensberger Literaturwissenschaft und Philosophie und stieß zur Gruppe 47. Insbesondere mit dem von ihm gegründeten und herausgegebenen Kursbuch wurde er zu einer Orientierungsfigur für die Studenten- und gesamte 68er-Bewegung. Irgendwie war er, solange ich denken kann, immer da. In allen gut sortierten Bücheregalen oder mit politischen Interventionen. Da wo andere schwiegen oder undeutlich schwiemelten fand er klare und meist richtige Worte. Zur Rolle und Macht der Medienkonzerne, zur Überwachung, zur Ausbeutung. Es lohnt, immer mal wieder nachzugucken, was er zu den Problemen unserer Zeit zu sagen hat. Extrem hellsichtig war z.B. sein Text „Helden des Rückzugs – Brouillon zu einer politischen Moral der Entmachtung“:
„In jeder europäischen Hauptstadt findet man dort, wo der Raum seine höchste symbolische Verdichtung erreicht, also im Zentrum, eigentümlich korpulente Zentauren vor … : Die Chimäre hoch zu Ross stellt den europäischen Helden vor, eine imaginäre Gestalt, ohne den die bisherige Geschichte des Erdteils gar nicht zu denken wäre. Seit der Erfindung des Automobils hat der Weltgeist zu Pferde abgesattelt; Lenin und Mussolini, Franco und Stalin kamen ohne wiehernden Unterbau aus. Dafür nahmen die Stückzahlen zu, karibische Inseln wurden beliefert, und die Stiefelgrößen der Darsteller erreichten nicht selten das Format eines Einfamilienhauses. Inflation und Elefantiasis kündigten das nahe Ende der Heroen an, denen es nie um etwas anderes gegangen war als um Eroberung, Triumph und Größenwahn.
Die Schriftsteller haben es geahnt. Schon vor über einem Jahrhundert hat sich die Literatur von jenen überlebensgroßen Figuren, an deren Erschaffung sie von Anfang an beteiligt war, verabschiedet. …
Dagegen hat es die sogenannte große Politik am klassischen Heldenschema bis auf den heutigen Tag ebenso verbissen wie hilflos festgehalten. …
Ein deutscher Philosoph hat gesagt, es komme am Ende dieses Jahrhunderts nicht darauf an, die Welt zu verbessern, sondern darauf, sie zu verschonen. Dieser Satz gilt nicht nur für jene Diktaturen, die vor unseren Augen kunstvoll abgewrackt worden sind. Auch den westlichen Demokratien steht eine Abrüstung bevor, für die es keinen Präzedenzfall gibt. Der militärische Aspekt ist nur einer unter vielen. Andere unhaltbare Positionen sind im Schuldenkrieg gegen die Dritte Welt zu räumen, und der schwierigste aller Rückzüge steht in jenem Krieg bevor, den wir seit der Industriellen Revolution gegen unsere eigene Biosphäre führen.
… So kann eine Energie- und Verkehrspolitik, die diesen Namen verdient, nur mit einem strategischen Rückzug eingeleitet werden. Sie erfordert die Zerlegung von Schlüsselindustrien, die auf lange Sicht nicht weniger bedrohlich sind als eine Einheitspartei. Die Zivilcourage, die dazu nötig wäre, steht der kaum nach, die ein kommunistischer Funktionär aufzubringen hatte, als es darum ging, das Monopol seiner Partei abzuschaffen.“
Hans Magnus Enzensberger. Helden des Rückzugs – Brouillon zu einer politischen Moral der Entmachtung. In: Hans Magnus Enzensberger. Zickzack: Aufsätze. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. (Erstveröffentlichung: 12/1989)