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Wenn die SPD in der Filmbranche nicht auch noch den letzten Rest an Vertrauen verspielen will, müssen sie jetzt liefern!

„Ich erwarte, dass sich die SPD im morgigen Koalitionsausschuss an ihre Zusagen erinnert und nicht, wie Wolfram Weimer, vor den US-Streamingdiensten einknickt. Wenn die Sozialdemokrat:innen in der Filmbranche nicht auch noch den letzten Rest an Vertrauen verspielen wollen, müssen sie jetzt liefern: Die versprochene gesetzliche Investitionsverpflichtung für Streamingdienste und eine steuerliche Filmförderung dürfen nicht länger aufgeschoben werden.“, erklärt David Schliesing, medienpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, anlässlich der morgigen Beratung im Koalitionsausschuss zur gesetzlichen Investitionsverpflichtung für US-Streamingdienste. Schliesing weiter:

Wenn die SPD in der Filmbranche nicht auch noch den letzten Rest an Vertrauen verspielen will, müssen sie jetzt liefern!

„Beide Instrumente wären ein klares Signal an Kreative und Filmschaffende: Nur eine gesetzliche Investitionspflicht in Kombination mit einem steuerlichen Anreizmodell schafft echte Planungssicherheit für europäische Produktionen – und stärkt den Filmstandort Deutschland. Für eine lebendige, unabhängige und nachhaltige Produktionslandschaft! Noch aber ist das Gegenteil zu befürchten: Ein starkes Signal der Unterwürfigkeit und Kotau vor den US-Streamingkonzernen!“

07.12.1930 – Geburtstag Dani Karavan

Heute würde der am 29. Mai 2021 in Israel verstorbene Bildhauer Dani Karavan, am 7. Dezember 1930 in Tel Aviv geboren, 95 Jahre alt. Insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland, Israel und Frankreich hat Dani Karavan Kunst-, Denk- und Gedenkräume kreiert, die gerade in ihrer Offenheit für Menschen, Städte, Bevölkerungen, die Lebenden und das Gedenken an die Opfer von Hass-Ideologien nicht einfach ein Bleibendes SIND. Bleibendes ist immer im Werden begriffen, es entsteht, wenn wir Erinnerung und Gedenken im Geist universeller Menschenrechte entwickeln. 
Direkt gegenüber vom Bundestag im Reichstag erinnert Dani Karavans Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas auch den aktuellen Bundestag an die Opfer deutscher nationalistischer, rassistischer, antiziganistischer Hass-Ideologien. Vielleicht werfen auch einige Politiker der Union mal einen Blick darauf, der Antiziganismus-Beauftragte der Bundesregierung zumindest könnte das für angezeigt halten (https://www.spiegel.de/politik/deutschland/diskriminierung-antiziganismus-beauftragter-kritisiert-parteifreunde-a-ef3eac7e-2e0c-486e-afb3-03adab7e38a0 (externer Link)). Überlebende und Nachkommen auch dieses Völkermordes leben mitten unter uns – und Mitte ist dort, wo Menschen einander in Respekt und Geschwisterlichkeit als MENSCHEN begegnen. 
Zwischen dem Jakob-Kaiser-Haus (zum Bundestag gehörend) und der Spree erstreckt sich, in seiner Ausdehnung vielleicht oft unbemerkt, das „Grundgesetz 1949“: Die 19 Grundrechtsartikel sind Glastafeln eingraviert und einem Werk eingebettet, das sich vom Jakob-Kaiser-Haus bis zur Spree erstreckt. „Grundgesetz 1949“ bildet eine Art „Passage“ zum Spreeufer hin und erinnert damit auch an „Passagen“, den von Karavan geschaffenen Gedenkort für Walter Benjamin in Port Bou (vgl. meinen Beitrag vom 26. September 2025).
Zwischen diesen Werken, dem Deutschen Bundestag mittelbar oder unmittelbar benachbart, könnte sich der Bundestag im historischen Reichstagsgebäude als Raum für Menschen, Zivilgesellschaft, Menschenrechte erweisen – nicht zuletzt im Gedenken an die Opfer der Schoa und weiterer deutscher Völkermorde. 

07.12.1930 – Geburtstag Dani Karavan
Foto: Klaaschwotzer, wikimedia

Reichstag, 2.12.1905 Deutscher Völkermord an den Ovaherero und Namain der Kolonie „Deutsch-Südwest-Afrika“ (Namibia) Georg Ledebour (SPD) fordert: Kanzler und General vor den Richterstuhl der Geschichte!

Die Anklage, die Georg Ledebour (07. März 1850/Hannover – 31. März 1947/Bern) im Reichstag gegen Reichskanzler Bernhard von Bülow und General Lothar von Trotha richtet, ist Teil einer grundsätzlichen Kolonialismus-Kritik des SPD-Abgeordneten. In einer Erwiderung auf den Abgeordneten Dr. Arendt nimmt Ledebour in aller Klarheit Stellung. 
 

Georg Ledebour: „Gemeinbesitz“ statt „Privatbesitz“ 


„Die Herero haben noch den Stammesbesitz, und gerade diese Institution wollen wir bei uns einführen … in der Form des Gemeinbesitzes an Grund und Boden seitens der gesamten Nation.  … Der ganze Akkumulationsprozess des Kapitals in Europa, die Anhäufung des Privatbesitzes an Grund und Boden in einzelnen Händen führt im Grunde genommen auf ganz dasselbe Verfahren zurück, das wir überall bekämpfen und verurteilen. Unsere Stellung zu der Frage, ob der Stammesbesitz der Eingeborenen erhalten werden soll oder nicht, deckt sich vollkommen mit unserer Stellung zur Frage des Privatbesitzes in Grund und Boden überhaupt. Wir sind Gegner des Privatbesitzes an Grund und Boden und gerade deswegen verurteilen wir umso schärfer, dass unter allerhand Rechtsfiktionen den Eingeborenen, deren Land sich im Stammesbesitz befindet, ihr Grundbesitz zu Gunsten einiger Europäer abgenommen werden soll.“


Mit dem Privateigentum und der gewaltsamen Anwendung dieser kultur- bzw. kapitalismusspezifischen Rechtsauffassung auf alle Weltgegenden hat sich Deutschland als Kolonialherr in fundamentalen, brutalstmöglich ausagierten Widerspruch zu alternativen Rechtstraditionen begeben. Fragen der „Restitution“ heute auf einzelne sog. „Objekte“ und „Human Remains“ zu beschränken verkennt, mit welch durchdringender Gewalt der Kolonialismus Menschen und ihre Kulturen ausgelöscht hat. „Kultur“, „Agrikultur“/Landwirtschaft und Privatbesitz waren in kolonialistischer Ideologie und Praxis untrennbar miteinander verbunden. Beim „Deutschen Kolonialkongress“ im Reichstag gelang einem der Referenten  (W. Sering) am 7. Oktober 1905 die Formulierung, „kraftvolle Menschen“ zögen hinaus, „um sich und ihren Kindern die Unabhängigkeit, das Land der Kultur zu gewinnen.“ In diesem Fall galt das implizite „Unkultur“-Verdikt den First Nations der USA, Vertreibung und sklavenähnliche Abhängigkeit (statt „Unabhängigkeit“) waren für sie vorgesehen. Die „Blut und Boden“-Ideologie der NSDAP, ihrer Sympathisanten und Wegbereiter hatte einen langen Vorlauf. Eine Kulturpolitik, die sich ihrer eigenen Rechtsgrundlagen, der Geschichtlichkeit ihrer eigenen Begriffe bewusst wäre, könnte Fragen der Restitution nicht unabhängig von einer kritischen Bewertung globaler Besitz- und Eigentumsverhältnisse behandeln. Letztere sind Teil einer eigenen Geschichte von Verbrechen. 


Die „Weltgeschichte“ ist das „Weltgericht“?

„Im Deutschen Reiche werden heutigen Tages die Herren ja nicht wirklich auf die Anklagebank kommen vor Richtern, die über sie urteilen. Sie bekommen einen Orden, oder der Herr Fürst v. Bülow erhält jetzt den Herzogtitel, und Herr General von Trotha, der sich großer Gönnerschaft in den höchsten Kreisen erfreuen soll, bekommt vielleicht auch noch etwas Ähnliches. Aber die beiden Herren, die bisher bewiesen haben, dass sie die deutsche Ehre in der Kriegsführung gegenüber barbarischen Stämmen nicht richtig haben zu wahren wissen, gehören allerdings auf die Anklagebank, vor den Richterstuhl des deutschen Volkes und den Richterstuhl der Geschichte, und was sie auch sagen mögen: das deutsche Volk und die Geschichte werden sie schuldig sprechen.“ 

Am 2. Dezember 1905 forderte der Abgeordnete Georg Ledebour (SPD) im Reichstag, dass gegen die Verantwortlichen für die deutschen Verbrechen – gemäß fünfzig Jahre später von der BRD ratifizierter Völkermord-Konvention: Genozid – an den Ovaherero und Nama in der Kolonie „Deutsch-Südwest-Afrika“ (Namibia), Anklage erhoben werde. Ledebour lässt anklingen, für wie unrealistisch er seine eigene Forderung an diesem Tag hält: „Das deutsche Volk und die Geschichte werden sie schuldig sprechen“ spielt auf Schillers Vers „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ (Friedrich Schiller: „Resignation“. 1784/1785, publiziert erstmals 1786) an –  und vertagt das Urteil damit keineswegs auf einen „Jüngsten Tag“. Den Anspruch, „Weltgeschichte“ zu schreiben, Protagonist und Erfinder von „Geschichte“ zu sein und sich damit als „Kulturland“ oder „Kulturnation“ von sog. „Unkulturländern“ zu unterscheiden, sollte insbesondere das kolonialistische Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert für sich erheben. Die Definition von Raum und Zeit wurde ein antisemitisch, rassistisch und kolonialistisch gehandhabtes Machtinstrument, mit dem willkürlich Grenzen gezogen, Menschen und ihre Kulturen für gültig oder ungültig („wurzel-“ und „vaterlandslos“) erklärt, geehrt oder vernichtet wurden. Sich selbst nach Belieben jener Historizität und ihrer besseren Aspekte (Menschenrechte, Völkerrecht, internationale Gerichtsbarkeit) zu entledigen und aus jenem selbst geschaffenen „Universum“ auszuklammern bei Bedarf, gehört zu den schlimmen „Errungenschaften“ eines sog. „Westens“, dessen Exponenten sich seit einigen Jahren, folgerichtig, gern für ihre Mars-Mission vorbereiten und am liebsten komplett aus jeglichem „Raum-Zeit-Kontinuum“ verkrümeln würden. Dass eine Bundesregierung erst 2021 von einem „Völkermord“ an den Ovaherero und Nama sprechen würde, ohne die entsprechenden Konsequenzen aus dieser Anerkenntnis zu ziehen: Hätte ihm dies am 2. Dezember 1905 vor Augen gestanden, Ledebour wäre vielleicht, mit zynischem Gelächter, plötzlich sehr katholisch oder Anhänger einer Endzeit-Sekte geworden. 

Eine internationale Gerichtsbarkeit, die auf Grundlage absoluter Gleichheit ALLER Menschen auf diesem Planeten Recht spräche, war damals, als das Deutsche Reich Genozid verübte, massenhaft Mord, Land- und Kulturraub beging, akut wünschenswert, keinesfalls weniger wünschenswert als heute. Mit dem „deutsche(n) Volk“, neben der Geschichte rhetorisch zum Richter bestellt, fordert Ledebour ein, was es erst nach dem Ersten Weltkrieg geben sollte und 1905 auch in Gestalt einer Giebelinschrift am Reichstagsgebäude („Dem deutschen Volke“: schon für die Eröffnung 1894 vorgesehen, 1916 realisiert) noch unerwünscht war: eine Parlamentarische Demokratie mit konsequenter Gewaltenteilung. Erst nach dem beispiellosen deutschen Verbrechen der Shoa, vielfachem deutschem Genozid, totaler Erschließung aller Gewaltpotenziale von Deutschtums-Ideologien wie Rassismus, Sozialdarwinismus, Sozialrassismus und Kolonialismus wurden Schritte zu einer wirksamen, internationalen Gesetzgebung unternommen, die Völkermord-Konvention auch von der Bundesrepublik Deutschland 1955 ratifiziert. Mit dem Römischen Statut und der Etablierung des Internationalen Strafgerichtshofes Ende der 1990er/Anfang der 2000er Jahre wurde, teils nur in der Theorie, ein weiterer Schritt unternommen, völkerrechtswidriges Verhalten konsequenter ahnden zu können. Eine Asymmetrie bei der Verfolgung und Verurteilung von Verbrechen wird bis heute, zurecht, beklagt. Die Aufteilung der Welt nach kolonialistischen Schemata und die Priorisierung eines sog. „Westens“ und seiner Interessen ist bis heute sichtbar.

Mit der Bezeichnung „barbarische Stämme“ werden bei Ledebour nicht die Opfer dieses deutschen Genozids diffamiert: Ledebour spiegelt hier das kulturrassistische Schema der Täter zurück. Immer wieder konfrontiert er die pro-kolonialistischen Fraktionen im Reichstag, die politischen Gegner, mit ihrem eigenen Anspruch, „zivilisiert“ zu sein.
 

Die gängige Praxis eines wechselseitigen Anheftens von Orden und Titeln, wie sie Ledebour am Beispiel der, rhetorisch, Beklagten beschreibt, untergräbt Transparenz und Rechtsstaatlichkeit massiv, indem sie dem Unrecht informelle Rechtssicherheit gibt. Diese Rechtssicherheit für furchtbares Unrecht, deren Wirksamkeit sich in der Unrechtsordnung eines „Maßnahmenstaates“ [Ernst Fraenkel (1898–1975), Modell des „Doppelstaates“]  vollendet, endet im 21. Jahrhundert entweder vor Institutionen wie IGH oder IStGh – oder wird, anstelle von Recht, bis zu einem „Jüngsten Gericht“ fortgeschrieben, das es niemals geben wird. Das „Weltgericht“ ist kein spektakuläres Ereignis. Rechtsprechung einer internationalen Gerichtsbarkeit folgt keiner Suspense-Dramaturgie, hat keinen apokalyptischen Schauwert und eignet sich für keinen „Blockbuster“. 

Inwieweit zieht die Bundesregierung keine Konsequenzen aus dem Tatbestand des Völkermordes? Etwaige Unterstützung, die Namibia („Deutsch-Südwest-Afrika“) von der BRD erhält, ist, so wollen es die Bundesregierungen, explizit nicht als „Reparation“ oder „Wiedergutmachung“ zu betrachten und wird damit als freiwillige Leistung („Entwicklungshilfe“) ohne Rechtsgrundlage ausgewiesen. Wie Kritiker:innen zurecht monieren, setzt die BRD das im Deutschen Reich begangene Unrecht insofern fort, als sie ein Zeitregime („Chronopolitik“) für sich reklamiert, eigene Verbrechen eigenhändig definierten Geltungsbereichen selbstgeschaffenen Rechts zurechnet. 

Im Zusammenhang mit etwaigen Reparationen drängt sich neben der Vernichtung menschlichen Lebens und seiner Kulturen auch die Frage nach dem auf, womit soziokulturelles Leben immer in unterschiedlichster Weise verwoben ist: Land. Georg Ledebour machte im Reichstag, wie eingangs zitiert, immer wieder seine Position und damit die Position eines 1905 noch nennenswerten Teils der Sozialdemokratie klar. 
 

14. Todestag Christa Wolf

Am 1. Dezember 2011 verstarb Christa Wolf – eine Autorin, die sowohl in BRD, DDR, wiedervereinigter Bundesrepublik, Europa und weltweit mit ihren Werken präsent, geschätzt, viel diskutiert war und ist. Wie Autor:innen heute an Christa Wolfs Werke und Erfahrungswelten anknüpfen, zeigt Igiaba Scego (geboren am 20. März 1974 in Rom) mit „Kassandra in Mogadischu“. Die Autorin, deren Eltern nach dem Staatsstreich von Mohamed Siad Barre aus Somalia nach Italien emigriert sind, bezieht sich u.a. in der Mottowahl auf Christa Wolfs „Kassandra“. 
Christa Wolfs 1983 in BRD und DDR gleichzeitig erschienenes Werk und seine Protagonistin verweigern ihre Mitwirkung an einer Heldengeschichtsschreibung. Gegen Ende referiert Kassandra, wovon der geliebte Aeneas ihr gegenüber nach der Zerstörung Trojas durch „die Griechen“ gesprochen hat, nämlich ein „neues Troia irgendwo zu gründen. Von vorne anzufangen.“ und ihre Antwort darauf: 


„… Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben. … Gegen eine Zeit, die Helden braucht, richten wir nichts aus, das wusstest du so gut wie ich. … Du würdest weit, sehr weit gehen müssen, und was vorn ist, würdest du nicht wissen. […] Ich bleibe zurück.“

(Christa Wolf. Kassandra. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008) 


„Ich bleibe zurück“: Kassandras Entschluss, auf Trojas Trümmern auszuharren ist eine Totalverweigerung, denn Aeneas, der Mann, den sie liebt, wird mit Vergils „Aeneis“ zur Gründungsfigur des „Imperium Romanum“, eines „Imperium sine fine“, wie es in der „Aeneis“ heißt. Mit Kaiser Augustus dachte Vergil dieses gut 2000 Jahre alte, bis heute wirksame Werk einem Herrscher zu, der ebenso wie Vergil mit seiner „Aeneis“ Epoche – ganz nach dem Geschmack der Supermächtigen – gemacht hat: Die radikale Entgrenzung eigener Macht wird bis heute gern als „Staatsklugheit“ oder „Pragmatismus“ gelesen. Mussolini hat sich gern auf Augustus bezogen, Curtis Yarvin, einer der „Chef-Philosophen“ der US-Trumpublikaner, tut es (vgl. Moritz Rudolph im philosophie Magazin 8/2024) und US-Vizepräsident J. D. Vance dürfte sich wirklich als prädestiniert für diese Rolle sehen, wie Cosmin Costinaș in einem Essay zur aktuellen Ausstellung „Global Fascisms“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) schreibt (https://www.hkw.de/programme/publications/cosmin-costinas-global-fascisms-essay (externer Link)). „Von vorne anzufangen“, diese Aussicht, erfahren wir aus Kassandras innerem Monolog, habe Aeneas ihr eröffnen wollen und sie selbst verhält sich dazu so, wie nur ein sehr hellsichtiger Mensch im Wissen um die „unendliche“ Geschichte augusteischer Ewigkeitsansprüche bis weit ins 20. (und 21. Jahrhundert) sich dazu verhalten kann: „Du würdest weit, sehr weit gehen müssen, und was vorn ist, würdest du nicht wissen.“ Donald Trump und seine Freunde wissen angeblich, wie alles EIGENTLICH begann, wo „vorn“ ist und wie „Paradies“ oder „goldenes Zeitalter“ geht. Ohne Ursprungsmythos keine rassistische, identitäre Diktatur – mit dem Kärcher in der Hand (für Volk und Vaterland) den Blackout für jedes kritische Erinnern einleiten. 


Wie Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ (1940) weiß Kassandra bei Christa Wolf und Igiaba Scego, dass jeder Schritt Richtung Imperium die Trümmer und Leichenberge im Schatten der Heldendenkmäler wachsen lässt: 


„Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ 


[Walter Benjamin (1892-1940) Über den Begriff der Geschichte (1940) / These IX] 

Neben James Baldwins „Ich habe diesen Brief fünfmal angefangen und fünfmal zerrissen.“ (Aus: Mein Kerker bebte) stellt Igiaba Scego ihrem Roman „Kassandra in Mogadischu“ (Aus dem Italienischen übersetzt von Verena von Koskull. Frankfurt am Main / S. Fischer 2024) diese Willensbekundung Kassandras aus Christa Wolfs Roman voran: 


„Dies alles, das Troia meiner Kindheit, existiert nur noch in meinem Kopf. Da will ich es, solang ich Zeit hab, wieder aufbaun, will keinen Stein vergessen, keinen Lichteinfall, kein Gelächter, keinen Schrei. Treulich, wie kurz die Zeit auch sein mag, soll es in mir aufgehoben sein. Jetzt kann ich sehen, was nicht ist, wie schwer hab ichs gelernt.“ 


Das „Troia“ von Igiaba Scego, ihrer Kassandra, ist das verlassene, von europäisch-italienischem Kolonialismus, Krieg und Bürgerkrieg zerstörte Somalia mit seiner einstigen Metropole Mogadischu. Es gibt vor allem die Erzählungen ihrer Mutter, von der Igiaba Scego jahrelang geglaubt hat, sie habe nie lesen und schreiben gelernt. Ihre Mutter aber hat das Alphabet „durch grundlose Gewalt“ verloren und ringt gemeinsam mit ihrer Tochter um ein neues antikolonialistisches Alphabet: 


„Der Verlust ihres Heimatlandes und meines Ursprungslandes war ein Trauma, das uns in Trauer einte. Auf unbewusste Weise – denn in dem Sinne hatte sie nie einen wirklichen Plan – wollte Hooyo ihr Leben an mich weitergeben. Es ging nicht nur um eine einfache Familiengeschichte. Es war mehr. Ihre Vergangenheit war Teil eines Nationalarchivs, einer Nation, die mit dem Krieg ihr Gedächtnis verloren hatte.“

Mutter und Tochter werden Co-Autorinnen in einer „Geschichtsschreibung“, die mit dem „Abendland“, das sich „Geschichte“ ans Revers heftet, ebenso diplomatisch wie subversiv abrechnet. Igiaba Scego erinnert sich daran, wie sie bereits im Alter von sieben Jahren zur Schreiberin und Co-Autorin ihrer Mutter wurde. Auf einer römischen Polizeidienststelle füllte sie Formulare aus, um die Aufenthaltsgenehmigung für ihre Mutter zu erstreiten. Sie sieht sich mit einem Italienisch konfrontiert, 

„das einen in die Ecke trieb und sagte: »Du, Ausländer, bist nichts wert.« – Natürlich zeigte ich der Bürokratie dieser Formulare die Fäuste. Es war eine Bürokratie, die ein menschliches Wesen auf eine Zahl, eine Angabe, ein Nichts reduzierte.“

Dieser Sprache die Fäuste zeigend, in der ehemaligen Hauptstadt des Imperium Romanum von Augustus und Mussolini, sich die Sprache dieser (ehemaligen) Kolonialmacht aneignend, verkörpert die junge Co-Autorin den rund 4600 Jahre alten, altägyptischen „Sitzenden Schreiber“, der im Pariser Louvre (de)platziert ist: Der Platz im Louvre ist untrennbar von jenem Orientalismus und Kolonialismus, mit dem Napoleons Ägypten-Feldzug, seine „Ägypten-Expedition“ (1798 bis 1801) ideologisch unterfüttert war. Der Wettstreit von „Großmächten“, welche ihrer Hauptstädte das „eigentliche“ Rom sei, wird in Igiaba Scegos Roman zu Gunsten einer post-kolonialen Autor:innenschaft entkräftet, die aus dem ewigen Schatten der Macho-Imperien hervortritt und post-koloniales, vielfältiges soziokulturelles Leben sein kann.

Neugründung AfD-Jugend: David Schliesing (Linke) ruft zu Protesten auf

Am kommenden Wochenende will die in Teilen rechtsextreme AfD ihren Jugendverband in Gießen neugründen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die „Junge Alternative“ als gesichert rechtsextrem eingestuft. Aus Angst vor einem Verbot trennte sich die Mutterpartei vom Jugendverband.

Neugründung AfD-Jugend: David Schliesing (Linke) ruft zu Protesten auf

„Die anstehende Neugründung ist nichts anderes als eine Umstrukturierung und Fortführung der gleichen rechtsextremen Politik. In der neuen AfD-Jugend werden die gleichen Faschist:innen und rechtsextremen Netzwerke Hass, Hetze und Gewaltbereitschaft betreiben. Das dürfen wir nicht widerspruchslos zulassen und stellen uns dem entgegen.“, kommentiert David Schliesing (MdB der Fraktion Die Linke im Bundestag) die Neugründung.

Bundesweit regt sich breiter Protest gegen die Neugründung der Parteijugend in Gießen. Insbesondere das Bündnis „widersetzen“ ruft zu massenhaftem Protest auf. Ziel sei es, durch friedliche Blockaden der Zufahrtsstraßen den Neugründungskongress zu verhindern. Über 200 Busse aus dem ganzen Bundesgebiet werden zu den Protesten erwartet; auch aus Magdeburg und Halle fahren Busse nach Gießen. Tickets dafür können u.a. im Ticketshop des Bündnisses „widersetzen“ erworben werden.

„Ziviler Ungehorsam ist nicht nur ein legitimes Mittel gegen Veranstaltungen und die menschenverachtende Hetze von Rechten und Rechtsextremen, sondern dringend notwendig. Als Fraktion Die Linke im Bundestag erklären wir uns mit den Aktionen des Bündnis ‚widersetzen‘ solidarisch und ich hoffe, dass sich ganz viele Menschen, auch aus Sachsen-Anhalt, daran beteiligen“, erklärt David Schliesing.

81. Todestag Bayume Mohamed Husen

Abdulrazak Gurnah hat in seinem Roman „Nachleben“ (2022) die Figur des Ilyas Mahjub bin Adam Mohamed (besser bekannt unter dem Namen Bayume Mohamed Husen) nachempfunden.


… Ilyas lächelte, widersprach und zog den Lehrer seinerseits auf. Sein fröhliches Lachen und seine bescheidene Art führten dazu, dass die Leute sich in seiner Gegenwart wohlfühlten und er schnell neue Freundschaften schloss. So war das immer. …

Abdulrazak Gurnah. Nachleben. Aus dem Englischen übersetzt von Eva Bonné. Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München 2022

Am 24.11.1944 starb Mahjub bin Adam Mohamed (Bayume Mohamed Husen) im Konzentrationslager Sachsenhausen vor den Toren Berlins. Er war am 22. Februar 1904 in Daressalam, damals „Deutsch-Ostafrika“ (heute: Tansania) und damit in eine von Deutschen kolonialisierte, brutal beherrschte Welt geboren worden. Er wuchs mit der Kolonialmacht „Deutsches Reich“ auf und musste bereits als Kindersoldat im Ersten Weltkrieg diesem Deutschen Reich dienen. Danach arbeitete er in einer deutschen Textilfabrik (Strecker) und auf den Schiffen von Woermann. Was für ein Deutschland hatte sich der Heimat Mahjub bin Adam Mohamed bemächtigt? Kolonialistische, rassistische Krieger wie Hermann von Wissmann und Carl Peters hatten „deutscher Wirtschaft“, deutscher Politik und ihrem passiv aggressiven Publikum daheim, im Deutschen Kaiserreich, mit der „Taktik der Verbrannten Erde“ Ende der 1880er Jahre neues Land erbeutet und viele Menschen ermordet. Bismarck persönlich hatte anfangs sein Placet gegeben. Wer diesem deutschem Kolonialismus zum Opfer fiel, war – ob tot oder lebendig – immer eine Trophäe, die „Erfolge“ beglaubigen, für Investitionen werben, „deutschen Ruhm und deutsche Ehre“ mehren musste. Wie so oft waren die Deutschen auch in Deutsch-Ostafrika recht deutlich in ihrer Menschenverachtung, warum auch nicht – schließlich hatte Wissmann das Kriegsrecht verhängt, alles „rechtens“ also. Wer sich nicht bedingungslos den Deutschen unterwarf, war ein „Aufständischer“ und wurde ermordet. Der Todesarten waren viele, der Überlebensmöglichkeiten nur eine: Anpassung, völlige Dienstbarkeit. Das hatte bereits der Vater von Mahjub bin Adam Mohamed erlebt – er hatte in der Kaiserlichen Schutztruppe gedient. 


Mit Wissmann und Peters waren Raub und Mord an der Tagesordnung. Carl Peters war derart obsessiv sadistisch, dass er sich durchaus der einen oder anderen kritischen Bemerkung im Deutschen Reich stellen musste – der deutsche Faschismus „rehabilitierte“ ihn und kein Geringerer als Hans Albers lieh ihm Stimme und Gestalt für den Film „Carl Peters“, der im März 1941 ins Kino kam. Mahjub bin Adam Mohamed (Bayume Mohamed Husen) spielte die Rolle des Ramasan, einen Bediensteten von Carl Peters (Hans Albers). Bei den Dreharbeiten lernte er eine deutsche Frau kennen – und wurde wg. einer „Straftat“ denunziert, die der Unrechtsstaat noch nicht für „außerehelichen Geschlechtsverkehr“ kodifiziert hatte: „Rassenschande“. Daher erwies sich zwar die Gestapo als „unzuständig“ – aber Lücken im eigenen Unrechtssystem wusste der deutsche Faschismus zu nutzen: Mahjub wurde ins KZ Sachsenhausen deportiert und verstarb dort nach jahrelanger Qual am 24.11.1944  an den Folgen dieser Internierung. Die neokolonialistische Bewegung der 1920er Jahre, angesichts des „Verlustes“ der „Schutzgebiete“ nach Niederlage im Ersten Weltkrieg, hatte ihren 1918 verstorbenen Carl Peters längst in die Ruhmeshallen der Nazis überführt. Nun hatte Deutschland längst begonnen, die ganze Welt mit Krieg, Vernichtung, Völkermord und Hass-Ideologien zu überziehen – da machte sich ein prominent besetzter Film über „Carl Peters“ besonders gut. 

20. November 1695: Todestag von Zumbi, Tag des afrobrasilianischen Bewusstseins in Brasilien 20. November 2025: Kanzler Merz ist seit ein paar Tagen aus Bélem/Brasilien zurückgekehrt

Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Kulturstaatsminister Weimer passen hervorragend zueinander. Der eine streicht den Kolonialismus aus dem Gedenkstättenkonzept des Bundes, der andere nutzt auch den Klimagipfel in Bélem/Brasilien, am Amazonas, um seine arrogante,  zutiefst kolonialistische Weltsicht zur Geltung zu bringen. Welche Erkenntnis brachte Klima-Totalverweigerer Merz vom Amazonas mit?


„Meine Damen und Herren, wir leben in einem der schönsten Länder der Welt. Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben. Die waren alle froh, dass wir vor allem Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.“ 

(https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-kanzler-handelskongress-2393818 (externer Link))

Brasilien war nicht nur jahrhundertelang Teil des „transatlantischen Dreiecks“, in dem Menschen von Europäern auf dem afrikanischen Kontinent versklavt, auf die amerikanischen Kontinente verschleppt und zur Produktion von Gütern gezwungen wurden, die sich in Europa zu Höchstpreisen verkaufen ließen: zum Wohle weniger superreicher Leute. Volkswagen beispielsweise war es auch im 20. Jahrhundert ein Anliegen, in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der brasilianischen Militärdiktatur, Sklavenhaltermoral walten zu lassen und Menschen schlimmstmöglich auszubeuten.

Vor genau dieser arroganten Sklavenhaltermoral haben sich versklavte Menschen in Brasilien jahrhundertelang in Sicherheit gebracht. Eine ihrer Leitfiguren war Zumbi, der am 20. November 1695 gestorben ist. Sein Todestag wird heute als „Tag des Schwarzen Bewusstseins“ oder „Tag des afrobrasilianischen Bewusstseins“ begangen und erinnert an die Refugien von Solidarität, die Menschen, ihrer Versklavung entkommend, im Zeichen des sog. „Quilombismo“ seit ca. 1600 aufgebaut haben. Das Haus der Kulturen der Welt, wenige Meter vom Kanzleramt entfernt, widmete dem Quilombismo 2023 eine große, wunderbare Ausstellung. Viele Künstler:innen, Aktivist:innen, Denker:innen von allen Kontinenten waren dort vertreten und brachten dort Kulturen, Lebens- und Produktionsweisen ins Spiel, von denen der offizielle „Westen“ nichts wissen will, da sie die Menschen und den Planeten nicht ausbeuten. Bereits in der Eingangshalle war das HKW 2023 in anderem Licht zu erleben. Die Säulen hatte Amina Agueznay durch ihre Einkleidung (s. Abbildung). auf freundlichste Art der HKW-Architektur entfremdet und „entwendet“: Zwischen ihnen entspann sich eine Landschaft solidarischen Plauderns und froher Debatten.      

Zum 80. Jahrestag der Nürnberger Prozesse

Heute vor 80 Jahren begannen die Nürnberger Prozesse vor dem Internationalen Militärtribunal gegen die obersten Vertreter des NS-Staates, die man hatte festsetzen können. Die insgesamt 13 Verfahren, die zwischen dem 20. November 1945 und dem 14. April 1949 im Justizpalast Nürnberg geführt wurden, werden völlig zu Recht weltweit als wegweisend angesehen. Denn in ihnen gelang es erstmals, staatliche Verbrechen mit den Mitteln des Rechts zu bewerten und zu sühnen.

Die staatlich organisierten Massenverbrechen der Nazis während des Zweiten Weltkriegs verstießen nicht nur gegen alle geltende Regelungen des Kriegsvölkerrechts, wie sie in der Haager Landkriegsordnung und den Genfer Konventionen fixiert waren, sondern stellten einen nie dagewesenen Zivilisationsbruch dar. Die Alliierten beschlossen daher noch während des Krieges die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen sowie die politische Beseitigung des diesen Verbrechen zugrunde liegenden Nationalsozialismus und Militarismus. Sie sahen die rechtstaatliche Abrechnung mit dem NS-Staat als notwendige Voraussetzung für den endgültigen Bruch mit der Diktatur und zur demokratischen Neubegründung einer Nachkriegsordnung in Deutschland. In deren Zentrum sollten die vier großen „D“ stehen: Denazifizierung, Demokratisierung, Dekartellisierung und Demilitarisierung.

Das erste und mit Abstand berühmteste Verfahren, das vom 20.11.1945 bis zum 1.10.1946 geführt wurde, richtete sich gegen die deutsche Partei- und Staatsführung. Nachdem sich Hitler, Goebbels und Himmler durch Selbstmord der Verantwortung entzogen hatten, waren in diesem Hauptverfahren 24 Personen angeklagt, darunter Göring, Heß, Frank und Dönitz. Am 1. Oktober 1946 verkündeten die Richter das Strafmaß der Urteile: Neben zwölf Todesurteilen wurden sieben Haftstrafen unterschiedlicher Dauer verhängt. Mit Franz von Papen, Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht und Hans Fritzsche, dem Leiter der Rundfunkabteilung im Propagandaministerium, wurden drei der Angeklagten freigesprochen.

In Anschluss an den Hauptprozess fanden 1946-49 zwölf Nürnberger Nachfolgeprozesse vor amerikanischen Militärgerichten gegen 177 hochrangige Mediziner, Juristen, Industrielle, SS- und Polizeiführer, Militär, Beamte und Diplomaten statt. Die Verfahren belegen, in welchem Ausmaß die deutsche Führungsschicht zum Machtsystem der NS-Gewaltherrschaft beigetragen hatte. Neben der strafrechtlichen Aufarbeitung der Verbrechen leisteten die sogenannten Nachfolgeprozesse gegen die Funktionseliten des ‚Dritten Reiches’ einen frühen, wichtigen Versuch, zu einer historischen Analyse des NS-Staates zu gelangen, die die historische Verantwortung nicht einer kleinen Clique ideologischer Überzeugungstäter, sondern breiten gesellschaftlichen Trägergruppen zuwies. 

Der Kalte Krieg führte jedoch dazu, dass die Entnazifizierungspolitik, besonders der Westalliierten, übereilt abgebrochen wurde. In der BRD wurde die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zugunsten einer neuen Feindstellung gegen den Kommunismus weitgehend aufgegeben und die Politik in Richtung eines Rehabilitierungskurses geändert. Von Politik und Öffentlichkeit wurden die Prozesse vor allem als „Siegerjustiz“ diffamiert. Die Solidarisierung mit den verurteilten Tätern und die frühe Gesetzgebung der Bundesrepublik zielten insbesondere auf eine Amnestierung der verurteilten Täter bzw. ein Ende der juristischen Aufarbeitung ab und waren erfolgreich: Im Verlauf der 1950er Jahre kamen fast alle Verurteilten der 13. Nürnberger Prozesse wieder auf freiem Fuß.

So muss die Bilanz der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen vor bundesdeutschen Gerichten insgesamt als beschämend und weitestgehend gescheitert bewertet werden.

Linke fordert nach Weimer-Affären grundsätzliche Änderungen im Ministergesetz

„Ich begrüße, dass der Kulturstaatsminister nun seine Firmenanteile an der Weimer Media Group abgeben und sich auch keine Gewinne ausschütten lassen will. Offenbar ist der Druck dann selbst für die Union, die ansonsten Skandale einfach aussitzt, zu groß geworden. Das ist die gute Meldung. Schlecht ist, dass dieser Schritt so spät erfolgt – ich hatte ihn bereits vor vier Wochen öffentlich dazu aufgefordert. Problematisch ist auch, dass er sich mit der Übergabe seines 50-Prozent-Anteils an einen Treuhänder auch nur vorübergehend und nicht völlig von seinem Medienunternehmen löst. Rechtlich ist das zwar nicht zu beanstanden, politisch bleibt das Ganze aber dennoch falsch, da damit der Interessenkonflikt nicht restlos behoben wird. Denn erstens ist die Weimer Medien Group ein Familienunternehmen, an dem eben seine Frau die andere Hälfte besitzt und von den politischen Entscheidungen des Staatsministers direkt profitiert. Und zweitens macht ein Medienstaatsminister ja schließlich auch nicht nur Gesetze, die am Ende seiner Amtszeit ihre Wirksamkeit verlieren“, erklärt David Schliesing, medienpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, zur Ankündigung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer seine Anteile an der Verlagsgruppe Weimer Media Group an einen Treuhänder abzugeben.

Linke fordert nach Weimer-Affären grundsätzliche Änderungen im Ministergesetz
Foto: Wolfgang Weiser

Schliesing weiter: „Ich erwarte, dass jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen wird, denn die Weimer-Affären sind damit noch nicht vom Tisch. Nach wie vor müssen auch die schweren Vorwürfe systematischer Urheberrechtsverletzungen bei „TheEuropean“ lückenlos aufgeklärt werden. Vor allem zeigt die Causa-Weimer jedoch, dass das Ministergesetz dringend geändert werden muss, damit die skandalöse Vermischung von politischem Amt und privaten Geschäftsinteressen künftig ausgeschlossen wird. Um eine neue politische Kultur zu etablieren, die dem öffentlichen Interesse und nicht den eigenen Geschäftsmodellen verpflichtet ist, brauchen wir, neben verbindlichen Regeln für die transparente Offenlegung von Unternehmensbeteiligungen auch ein Verbot von Amtsübernahmen bei Interessenkollisionen. Und dies betrifft in dieser Bundesregierung ja nicht nur Wolfram Weimer, sondern beispielsweise auch die Energieunternehmerin und Ministerin Katherina Reiche.“

Anna Seghers: Zwei Denkmäler

Die Erinnerung an Menschen anlässlich ihrer Geburts- und Todestage wird oft mit einem Denkmal oder einer Fotografie illustriert, die ihrer Bedeutung für eine größere Öffentlichkeit gerecht werden sollen. Mit ihrem Prosa-Text „Zwei Denkmäler“ (1965) wirft die heute vor 125 Jahren geborene Anna Seghers (gebürtig Annette „Netti“ Reiling, verheiratet als Netty Radványi, Tochter einer jüdischen Familie in Mainz, verstorben am 1. Juni 1983 in Ost-Berlin), vor allem Fragen auf: Fragen nach den Orten, Zeiten, Formen des Erinnerns. Dieses Erinnern, das Seghers mit den „zwei Denkmälern“ in ihrer Geburtsstadt Mainz verbindet, ist nichts, was jemand an zentralem Gedenkort ablegen und „auf sich beruhen lassen“ könnte. Anna Seghers erinnert in ihrem kurzen Prosatext an den Mainzer Dom, einen flachen Gedenkstein im Pflaster der Mainzer Innenstadt und ein Werk, das in den Jahren verloren ging, als sie, jüdischer Herkunft und Kommunistin, den deutschen Faschismus im Exil überlebte. Der flache Gedenkstein erinnerte nach dem Ersten Weltkrieg an die Frau des jüdischen Weinhändlers Epsteins, die für ihre Tochter Milch holen wollte und bei einem Luftangriff ums Leben gekommen war.  Diesen Gedenkstein, schreibt Seghers, habe sie bei ihrem letzten Besuch in Mainz nicht wiedergefunden. Der Versuch einer literarischen Entwicklung der Geschichte des Mädchens, das die Mutter, Frau Epstein, mit ihrer Milch nicht mehr erreicht hat, ist zwischen den Stationen des Exils von Anna Seghers verloren gegangen: 

„Ich hatte die Absicht, in dem Buch zu erzählen, was aus diesem Mädchen geworden ist.“ 

(Anna Seghers. Zwei Denkmäler. In: Klaus Wagenbach (Hrsg.): Atlas [– Deutsche Autoren über ihren Ort.] Berlin 1965 / Berlin 2004)

Angesichts dieses Textes von Anna Seghers sucht die Erinnerung nach einem Lebens- und Gedenkort für die jüdische Mainzer Familie Epstein oder zumindest nach jener Mainzer Straße, in der ein Gedenkstein, nach dem Ersten Weltkrieg verlegt, an die Mutter erinnert haben soll. Ihrer Tochter sollte sich eine zwischen den Stationen des Exils entstehende, zwischen den Stationen  des Exils verschollene Erzählung von Anna Seghers widmen. Entspricht die Ungewissheit über den Ort des Gedenksteins im Straßenbild der Ungewissheit über den Verbleib der Erzählung von Anna Seghers zwischen Marseille, Martinique, New York und Mexiko? Wo ist ein Ort für die Opfer deutscher Menschheitsverbrechen? In welchen Räumen der Erinnerung und des täglichen Lebens finden sie Platz und mahnen zum antifaschistischen Widerstand? Anna Seghers setzt sich selbst und die Leser:innen der Ungewissheit aus, ob die Tochter der Familie Epstein überlebt hat. Ob Herr Epstein vielleicht überlebt hat? Ob noch ein Gedenkstein im Straßenpflaster von Mainz an sie erinnert und wie dieser Gedenkstein, nach dem Ersten Weltkrieg verlegt, 1965 aussehen müsste, um der Unvorstellbarkeit der Shoa gerecht zu werden. Eine solidarische, intergenerationelle,  interkontinentale Recherche könnte 1965 ebenso wie 2025 an diesen Gedenkstein und Anna Seghers‘ Erinnerungen anknüpfen. –Dem Mainzer Dom, von Seghers 1965 nicht ohne Verzicht auf sein „Ewigkeits-Renommee“ ins Gedächtnis gerufen, steht die schmerzhafte Erinnerung an verschollene und/oder deportierte, ermordete Mitbürger:innen gegenüber. Dieser Dom allerdings hat 1965 eine Vorgeschichte in Seghers‘ ab 1938 entstandenem Roman „Das siebte Kreuz“, der eben dieses Ewigkeitsrenommee ins Visier nimmt.: Georg Heisler ist dem KZ Westhofen entkommen und findet sich auf seiner Flucht im Mainzer Dom eingeschlossen. In der Nacht wächst sich der Dom mit seinen Denkmälern von Potentaten, die ewige Macht beanspruchen, zum Sinnbild eines realpolitischen Traumas aus. Ein „tausendjähriges Reich“ verleibt sich alle Ikonographien von Ewigkeit und Autorität  ein, ihre Einverleibung haben die Kirchen größtenteils aktiv betrieben, Antijudaismus und Antisemitismus sind untrennbar mit kirchlicher Ideologiegeschichte verbunden. 

„… Fünf Meter von ihm entfernt, vom nächsten Pfeiler, traf ihn der Blick eines Mannes, der dort mit Stab und Mitra an seiner Grabplatte lehnte. Die Dämmerung löste den Prunk seiner Kleider auf, die von ihm wegflossen, aber nicht seine Züge, die klar, einfach und böse waren. Seine Augen verfolgten Georg, der an ihm vorbeikroch. … Die Dämmerung drang nicht von außen ein wie an gewöhnlichen Abenden. Der Dom schien sich aufzulösen und zu entsteinern. … Alles Steinerne war am Verdunsten, und nur Georg war vor Schreck versteinert. Er schloss die Augen. Er tat ein paar Atemzüge, dann war es vorbei … Er suchte sich ein Versteck. … An dem Pfeiler, vor dem er jetzt hockte, lehnte, gleichmütig aus seiner Grabplatte über ihn hinwegsehend, ein runder gesunder Mann, auf seinem vollen Gesicht das dreiste Lächeln der Macht. …“ 

(Anna Seghers. Das siebte Kreuz – Roman aus Hitlerdeutschland. Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2018) 

„Ein runder gesunder Mann, auf seinem vollen Gesicht das dreiste Lächeln der Macht …“ Die Dämmerung des Mainzer Domes entkleidet die Potentaten ihres Prunks. Übrigbleiben „Physiognomien der Macht“, wie sie schon George Grosz in den 1920er Jahren zu malen wusste. Georg Heisler sieht dem Mörder jedes antifaschistischen Widerstandskampfes ins Gesicht. Aber eine Dämmerung, in der sich der Prunk auflöst und die strukturellen „Physiognomien“ der Machtverhältnisse zu Tage treten, ist möglich. Von dieser Hoffnung ist der Roman von Anna Seghers getragen, der in gekürzter Fassung auch den US-amerikanischen Soldaten mit auf den Weg in den Kampf gegen das faschistische Deutschland gegeben wurde, während Seghers selbst bis 1947 in Mexiko lebte und überlebte, nachdem ihr die Einreise in die USA verweigert worden war. Ab 1938, in Südfrankreich, begann Anna Seghers mit ihrer Arbeit an dem Roman „Das siebte Kreuz“. Irgendwo dort zwischen Marseille, New York, Martinique und Mexiko ging der Beginn einer Geschichte des Mädchens verloren.
Wie sich der purpurne Pomp der Macht in der Dämmerung des Domes auflöst und die Gesichtszüge der Macht entblößt, erinnert an die Verse der am 19. November 1887 in NYC verstorbenen Emma Lazarus (*22.07.1849/New York City), die man 1903 dem Sockel der Freiheitsstatue eingraviert hat: 

„Keep, ancient lands, your storied pomp!“ cries she / With silent lips. „Give me your tired, your poor, / Your huddled masses yearning to breathe free …” 

Diese Verse vom „storied pomp“ Europas, die Emma Lazarus, Tochter sephardischer Juden, der Statue of Liberty souffliert, diese Verheißung einer Zuflucht für die Armen und Entrechteten der Welt – werden auch von Donald Trump mit aller Macht dementiert, der „storied pomp“ Europas mit Triumphbögen und Ballsälen zum goldenen Alptraum gesteigert. Die Verse von Emma Lazarus sind zu allen Zeiten eine unabgegoltene Hoffnung. Heute sind sie der unauslöschlichen Hoffnung von Emma Lazarus, einer Suchbewegung nach der jungen Frau Epstein, antifaschistischem Widerstand weltweit über alle Grenzen hinweg eingeschrieben. 

In der Dämmerung des Domes sieht Georg Heiser dem gewalttätigen Ewigkeitsanspruch des Faschismus ins Auge. 1934 brachte Max Horkheimer (*14.02.1895/Zuffenhausen – 7.07 1973/Nürnberg, 1933 über Genf in die USA/New York emigriert), unter dem Pseudonym Heinrich Regius, „Dämmerung – Notizen in Deutschland“, mit Texten, die ab 1926 entstanden waren, im Verlag Oprecht & Helbling in Zürich heraus. In der ersten Notiz, mit „Dämmerung“ überschrieben, heißt es, 

„auch die Dämmerung des Kapitalismus“ brauche „nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.“

Es gilt, nicht vor Schreck zu versteinern, faschistische Muster in Politik und Gesellschaft zu brechen, bevor es zu spät ist.